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Prof Dr Holzapfel 2022 kleiner


Krise unserer Demokratie – Warum? Was tun?

Gefährden Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker, allerlei „Querdenker“ und „Spaziergänger“ unsere Demokratie? Kommt es bei diesen politischen Bewegungen zu einer Wiederkehr von Religiösität - allerdings in einer völlig pervertierten Form? Wie entsteht bei diesen politischen Bewegungen dieses von Erfahrung und Wirklichkeit unbeeinflussbare Denken? Manifestiert sich bei diesen Bürgern*innen ein Bedürfnis, einer autokratischen Bewegung mit übernatürlich wirkenden Kräften zu folgen? Gewinnen deren Führer, Ziele und Vorgehensweisen durch eine Verherrlichung bis hin zur Sakralisierung eine ungeheure emotionale Attraktivität?


„Krise unserer Demokratie – Warum? Was tun? Diskurslinien von Hannah Arendt über Totalitarismus, politische Religionen, politischen Extremismus, Verschwörungstheorien zu Aberglauben und Esoterik“.

Unter diesem Titel werden Antworten auf diese und weitere Fragen zu den Gefahren für unsere Demokratie von dem in Pusdorf lebenden Prof. Dr. Günther Holzapfel in der nachfolgenden Veröffentlichung angeboten. Feedbacks sind willkommen!


Mehr erfahren und Download der Veröffentlichung:

Hinweis: Die einzelnen Kapitel sind im Inhaltsverzeichnis so verlinkt, dass sie direkt aufgerufen werden können. Kapitel 1 in der Datei aus dem Download kann auch als Zusammenfassung gelesen werden. Die nachfolgende Zusammenfassung in Kurzform gibt einen Überblick zum Inhalt der Arbeit. 

Zusammenfassung

 


Zusammenfassung in Kurzform
In der vorliegenden Studie geht es um das Verstehen von Gefährdungen unserer deutschen Demokratie, um diesen widerstehen zu können. Verstehen bedeutet, die Ursachen für die Gefährdungen zu erkennen, aber auch mehr Aufschluss über die subjektiven Sinnstrukturen des Handelns von Gefährdern zu bekommen.


 

Ausgangspunkt des Verstehensdiskurses ist das Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von 1951 von Hannah Arendt. Wir verweisen daher an dieser Stelle für Vorabinformationen auf einen Beitrag der Deutschen Welle.

 

Der im Werk von Hannah Arendt entwickelte Ideologiebegriff bekommt eine neue Aktualität. Mit ihm analysiert H. Arendt die mentalen und emotionalen Strukturen der Anhänger*innen des Nationalsozialismus und Stalinismus, die wir auch heute bei den Gefolgsleuten reaktionärer Bewegungen beobachten können: Es ist das von der Erfahrung und Wirklichkeit unbeeinflussbare Denken und das Bedürfnis, einer Bewegung mit übernatürlich wirkenden Kräften zu folgen. In solchen Mentalitäten kann man Ähnlichkeiten mit Einstellungen und Verhaltensweisen von gott- und religionsgläubigen Menschen erkennen. Deshalb hat man in der Politikwissenschaft die totalitäre Herrschaft des Nationalsozialismus und anderer totalitärer politischer Systeme als Manifestation einer politischen Religion gedeutet.

Nach Darstellung des Ansatzes von H.Arendt und seiner Würdigung in der Politikwissenschaft (Kap. 1-6) wird im 7. Kapitel untersucht, ob das Paradigma von den politischen Religionen zur Erklärung von Einstellungen und Verhaltensweisen von politischen Extremisten, Verschwörungstheoretikern, Querdenkern und Impfgegnern hilfreich sein kann. Ergebnis dieser Untersuchung ist, dass es auf die emotionale Attraktivität der demokratiegefährdenden Bewegungen für ihre Anhänger*innen ankommt (Kap. 7.5.2, 7.5.5, 7.7). Zur Erfassung dieser Attraktivität können die phänomenologischen Analysen von Religiösität in den Arbeiten zu politischen Religionen nützlich sein (Kap. 7.5, 7.5.5). Dabei kann man auf den Religionsbegriff verzichten, zumal es zu diesem keine allgemein verbindliche Definition in den Sozial- und Geisteswissenschaften gibt. Folgeerscheinungen aus der hohen emotionalen Attraktivität demokratiegefährdender Bewegungen können mit dem religionssoziologischen Begriff Sakralisierung erfasst werden (Kap. 7.4.1).

tunnel 4496526 640Auf einer ähnlichen Forschungsspur bewegt sich die Leipziger Autoritarismus-Studie (LAS), wenn sie zur Kennzeichnung der Einstellungen und Verhaltensweisen von Verschwörungstheoretikern, Abergläubigen und esoterisch orientierten Menschen den Begriff „Conspirituality“ verwenden (Kap. 10.2, 10.2.4). Conspirituality ist eine Mischung aus Verschwörungsmentalität und spezifischer Spiritualität mit folgenden Merkmalen: Eine böse Gruppe von Verschworenen regiert und beherrscht im Geheimen das Volk (Welt, Gemeinschaft). Alles ist von dieser Verschworenengruppe von langer Hand geplant. Nichts geschieht durch Zufall.

Aber die guten Menschen wissen Bescheid und werden das böse Komplott aufdecken. Sie sind dazu in der Lage, weil sie einen Zugang zu übernatürlicher Erkenntnis haben und daran glauben, dass der Weg zur Vollendung des Einzelnen und der Gemeinschaft nur durch die Vernichtung der alten Ordnung erreicht werden kann.

Dieses Einstellungssyndrom wird in der LAS-Untersuchung empirisch belegt (Kap.10.2.4) und durch Gesellschafts- und Kulturkritik sowie psychoanalytische Begrifflichkeiten erklärt. Im Kapitel 10 werden alle einschlägigen Ansätze zur Erklärung von Verschwörungstheorien zusammengestellt. Bei den Erklärungen finden wir etliche Übereinstimmungen. Ihre unterschiedlichen Perspektiven ergeben ein differenziertes Bild über diese demokratiegefährdenden Phänomene. Religiöse Aufladungen von extremistischen Einstellungen sind in ihrer Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen. Aber auch ohne solche Aufladungen erwachsen aus dem politischen Extremismus Demokratiegefährdungen.

Im Kapitel 8 werden die theoretischen und empirischen Untersuchungen zum politischen Extremismus in Deutschland aus den letzten 10 Jahren umfassend dargestellt und kritisch gewürdigt. Wenn auch die Prozentzahl der Bürger:innen mit manifest rechtsextremen Einstellungen von 10% (im Jahr 2000) auf 8% (im Jahr 2020) gesunken ist (Kap.8.1.1 und 8.5), ist Wachsamkeit geboten, weil die neue Rechte nicht nur eine stabile Wählerbasis gefunden, sondern auch ihre Resonanzfelder im politischen Raum ausgeweitet hat (vgl. die Analyseergebnisse von Heitmeyer u.a. 2020, siehe oben Kap. 8.2.4). Ein latenter Rechtsextremismus wurde im Jahr 2020 bei 24% aller Wahlberechtigten festgestellt. Es gibt also in Deutschland ein beträchtliches Potential, das je nach Zuspitzung gesellschaftlicher Konflikte für antidemokratisches Verhalten aktiviert werden kann. Ein weiteres Indiz für demokratiegefährdende Entwicklungen ist das Ansteigen der Zahl von gewaltorientierten Personen mit rechtsextremer Orientierung von 10.500 (2014) auf 13.000 (2019) (siehe Kap. 8.2.3.2 oben). Bei der linksextremistisch orientierten autonomen Subkultur wurden in 2016 6.800, in 2018 7.400 und in 2020 9.600 Personen als gewaltbereit eingeschätzt (siehe Kap. 8.7.1.3 oben). Alle im Kapitel 8 referierten empirischen Untersuchungen haben theoretische Fundierungen.

Die Leipziger Autoritarismus-Studie hat den anspruchsvollsten theoretischen Ansatz. Sie kombiniert Gesellschaftstheorie mit der in der Psychoanalyse entwickelten Theorie der Abwehrmechanismen: Rechtsextremisten finden Befriedigung in der eigenen Unterwerfung unter Autoritäten und im Hass auf die von der Gesellschaft als schwächere und unterlegen markierten Menschen. Den Versuch der Vergrößerung des Ichs durch Allmachtphantasien findet man bei Verschwörungsmentalitäten (Kap. 8.3.2, 10.2.1). Die Verwendung psychologischer Begriffe und Theorien als zusätzliche Erklärungen für politischen Extremismus ist absolut notwendig. Die Verwendung psychoanalytischer Theorien bei LAS und auch bei anderen Autoren (siehe Kap. 5.3) hat eine hohe Plausibilität. Weitere biographisch orientierte empirische Untersuchungen sind aber notwendig, um die Entstehung extremistischer Einstellungen, von Verschwörungsmentalitäten und esoterischen Orientierungen noch besser zu verstehen.

Im Kapitel 9 und 11 werden Handlungskonsequenzen formuliert, die sich aus den vorangegangenen Analysen ergeben. Eine der wichtigsten politischen Zielsetzungen bei der Abwehr von Demokratiegefährdungen ist die konsequente Verringerung der sozialen Ungleichheit in Deutschland. Angesichts der Belastungen, die auf die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft sowie auf Europa aufgrund des Krieges von Putin gegen das ukrainische Volk zukommen werden, ist diese politische Zielsetzung eine Herkulesaufgabe. Für die Bereiche Ökonomie, Politik, Bildung und Kultur werden in diesen Kapiteln unter der Überschrift „Was tun ?“ weitere Vorschläge formuliert. Eine Überlegung daraus bezüglich Bildung will ich in dieser Zusammenfassung hervorheben: Müssen wir den Themen Weltanschauung, Religion, Transzendenz und Immanenz in allen Bildungsbereichen wieder mehr Platz einräumen? Kann man diese Themen angesichts der religiösen Aufladungen von demokratiegefährdenden Bewegungen den Talkshows, bunten Blättern, digitalen sozialen Medien, Messengerkanälen, Influencer-Szenen und dem Therapiesektor überlassen?


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