Kein Biomüll in Bremen-Warturm

Ein Interview mit Emil Gerke, geführt von Kurt Eblinger

Emil Gerke, geboren 1939, lebt seit ca. 60 Jahren im vorderen Woltmershausen/ Warturm. Er ist bis heute als Sachkundiger für Bau und Verkehr im Ausschuss des Beirats Woltmershausen tätig. Er hat eine private Initiative gegründet, um zu verhindern, dass in Woltmershausen im Umfeld von Wohngebieten ein Umschlagplatz für Biomüll entsteht.

 


Herr Gerke, auch bei Bio gibt es Abfälle, die irgendwie entsorgt werden müssen. Der Widerstand gegen einen möglichen Umschlagplatz ist aber in fast allen Stadtteilen groß. Da es ernsthafte Überlegungen und Planungen gab, in der Barkhausenstraße in Bremen-Warturm einen Umschlagplatz nebst Zwischenlager für Biomüll einzurichten, haben Sie dagegen Widerspruch eingelegt. Wäre Bio denn so schlimm für den Stadtteil Woltmershausen?
Bio ist grundsätzlich eine gute Sache. Das bedeutet aber nicht, dass beim Umschlag, bei der Lagerung und womöglich bei der Aufbereitung der Abfälle keine unangenehmen Gerüche und Belästigungen entstehen. Mit großer Sicherheit wird sich dadurch auch Ungeziefer mit ansiedeln. Was Ratten im Wohngebiet bedeuten, muss ich wohl nicht näher erläutern. Doch mit diesen auf dem ersten Blick unmittelbar erkennbaren Problemen wären die Belästigungen noch längst nicht alle genannt. Die Abfälle aus Haushalten und Gärten müssen ja irgendwie zur Barkhausenstraße hinkommen und auch wieder abtransportiert werden. Auch sind große und sehr effektiv arbeitende Transport- und Verarbeitungsmaschinen vor Ort erforderlich, um die Massen von Bio-Abfällen einer Großstadt und möglicherweise auch aus dem Umland Bremens zu bewältigen. Und nicht zuletzt würde Personal für die Anlage benötigt, das auch wohl kaum in jedem Fall zu Fuß zum Arbeitsplatz kommen dürfte. Alles zusammen wird neben der Geruchsbelästigung auch einen erheblichen Lärmzuwachs durch LKW- und PKW-Verkehr sowie durch Maschinen im Verarbeitungsprozess mit sich bringen.

Waren Sie alleine mit dieser Ansicht oder fanden Sie Unterstützung?
Ich war nicht alleine in dieser Einschätzung. Es gab nicht nur in der Bevölkerung Befürchtungen, dass Woltmershausen erneut zur Müllkippe für Bremen wird. Das Schlimmste ist, dass dies in nahezu unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohnsiedlungen und sogar auch zur Innenstadt geschehen würde. Selbst Firmen, Schulen, Kindergärten und viele andere soziale Einrichtungen waren entsetzt, als diese Planungen bekannt wurden. Ich möchte an dieser Stelle nochmals daran erinnern, dass es nach dem zweiten Weltkrieg bereits eine große Mülldeponie in Woltmershausen/Warturm gab. Dort, wo jetzt die Senator Paulmannstraße beginnt, auf der gegenüberliegenden Seite vor der Bahn, war die Einfahrt zur Mülldeponie „Hachenburger See“. Der Müllplatz reichte bis an die Bahnlinie und an die Ochtum heran. Der Hügel in der Mitte der großen Schleife zur Anbindung an die B75 besteht z.T. heute noch Resten der alten Deponie. Die Deponie wurde für Abfälle aus ganz Bremen genutzt und war damit der Vorgänger der heutigen Blocklanddeponie. Pusdorf musste also schon häufiger Lasten tragen, nicht zuletzt mit dem Gaswerk und aktuell mit der Autobahn A281.

Jetzt Mal etwas genauer, wo fanden Sie konkrete Unterstützung im Stadtteil?
Der Beirat Woltmershausen hatte in seinem Beschluss vom 28.08.2017 entschieden und ganz klar die Planungen abgelehnt. Der damalige Senator für Umwelt, Bau und Verkehr wurde aufgefordert, die Vergabe unverzüglich zu überprüfen und aufzuheben. Doch damit wollten wir uns als Bürgerinnen und Bürger nicht zufrieden geben und haben eine eigene Interessenvertretung gegründet, auch um den Beirat bei seinen berechtigten Forderungen zu unterstützen. Zuerst haben wir uns im näheren Umfeld der Bewohner in Woltmershausen/Warturm regelmäßig getroffen und weitere Aktivitäten in unserer Initiative überlegt. Um eine breite Basis zu erreichen, haben wir dann nicht nur Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern sondern auch zu Firmen, Baumärkten, Kindergärten, Schulen, Kleingarten- und Siedlergemeinschaften usw. aufgenommen. Bei allen sind wir auf offene Ohren gestoßen und wir fanden Unterstützung. Die Namen könnte ich Ihnen alle nennen, doch das würde an dieser Stelle zu weit führen.

Was hat aus Ihrer Sicht die Gründung dieser Interessenvertretung für Pusdorf gebracht?
So wie es im Augenblick aussieht, ist der Kelch wohl an Pusdorf vorbeigegangen. Die Pläne für den Standort Süd wurden erst einmal eingemottet. Ich denke, dass es auch keinen erneuten Anlauf geben wird, zumal die aktuellen Planungen für ein neues Wohngebiet auf dem ehemaligen Brinkmann-Gelände sowie des SWB-Geländes wohl kaum mit einer derartig belastenden Anlage in unmittelbarer Nachbarschaft möglich wären. Auch unter diesem Aspekt war der Widerstand mit dieser breiten Basis ein Glücksfall für Pusdorf. Die vielen Stunden Arbeit, die Wege zur Kontaktaufnahme, die diversen Gespräche und was man sonst noch alles benennen könnte, haben sich gelohnt und waren gewiss ein wichtiger Beitrag zur jetzt vorliegenden Entscheidung. Was ich besonders betonen möchte ist, dass die Initiative alleine ohne die vielfache Unterstützung im Stadtteil nicht möglich gewesen wäre, unabhängig davon, ob diese nun aus der näheren oder weiteren Nachbarschaft, aus der stilleren oder der lauteren Ecke, oder von sonstigem Engagement gekommen ist. Ich möchte mich deshalb an dieser Stelle bei allen Beteiligten ganz herzlich bedanken.

Das Thema ist für Bremen bzw. für andere Stadtteile bekanntlich noch nicht ausgestanden. Gilt hier das Sankt-Florians-Prinzip: „Meinetwegen überall, nur nicht bei mir“?
Dass es eine Lösung geben muss, mit der man den anfallenden Bio-Müll bewältigen kann, ist wohl allen klar. Und dass den Müll eigentlich niemand haben möchte, obwohl jeder - ob bewusst oder unbewusst - daran beteiligt ist, dürfte auch klar sein. Aber wichtig erscheint es uns von unserer Pusdorfer Initiative, dass hier für Bremen eine humane Lösung gefunden und angestrebt wird, die nicht auf Kosten der Menschen geht, die sich evtl. nicht einmal wehren können und auch an anderen Stellen schon genügen Belastungen ertragen müssen. Was wir daher sehr bedauerlich finden, ist die Tatsache, dass es jetzt den nächsten Stadtteil trifft. Wie bereits in der Presse zu lesen war, wird derzeit in Bremen-Oslebshausen weitergeplant und es gibt einen ähnlichen Widerstand wie hier in Pusdorf. Wir wünschen den Bürgerinnen und Bürgern ebenso viel Erfolg mit ihrer Initiative.


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